Lisa Schölzel

Redakteurin bei Kitchen Stories

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Dieser Artikel ist ein Teil unserer Reihe “Food for Future”, in der wir dich dazu einladen, gemeinsam mit uns herauszufinden, wie wir unser Ess- und Kaufverhalten selbst nur ein kleines bisschen ändern können, damit es uns und der Welt besser geht. Denn was können wir eigentlich noch essen, wenn alles ein Problem zu sein scheint? Mit informativen und unterhaltsamen Artikeln, konkreten Tipps für deinen Alltag und Rezepten, mit denen du direkt loslegen kannst, wollen wir dich zu ersten (oder auch zweiten) Schritten in Richtung nachhaltige Ernährung inspirieren. Hier findest du eine Übersicht über alle Themen.

Mit diesem Artikel kommen wir schon in der letzten Woche unserer Kampagne “Food for Future” an. Das Thema in den nächsten Tagen: “Seafood”, also Fisch (Wirbeltiere) und Meeresfrüchte (Schalen- und Krustentiere). In diesem Text schauen wir uns gemeinsam an, wie es um die Branche steht, welchen Fisch wir am meisten essen in Deutschland, auf was wir beim Kauf achten sollten und wie es unserer Erde dabei geht. Ich hatte einige Fragen bzw. viele Fragezeichen in meinem Kopf herumschwirren, bevor ich mich in die Recherche zu diesem Text gestürzt habe. Je mehr ich las, verglich, hinterfragte, desto mehr habe ich mich auch mit meinem eigenen Essverhalten auseinander gesetzt. Eine spannende Reise und eine, mit vielen Antworten und kleinen konkreten Schritten, an die man sich leicht in seinem Alltag gewöhnen kann (mehr dazu findest du weiter unten).

Wir essen immer mehr Fisch

Fangen wir mit einer Beobachtung aus unterschiedlichen Quellen an, darunter auch die des Fisch-Informationszentrums Hamburg, die besagt: Wir (Deutschen) essen immer mehr Fisch. Wer ein Zahlenmensch ist: Im Jahr 2018 lag der Pro-Kopf-Verzehr in Deutschland bei 14,5 kg – Tendenz steigend. In Portugal und Spanien ist er drei- bis viermal so hoch wie in Deutschland, in der gesamten EU liegt dieser Pro-Kopf-Verbrauch bei 25 kg pro Jahr.

Das hört sich erstmal gar nicht so viel an. Im Vergleich dazu lässt sich aus unserem ersten Artikel zum Thema Fleisch entnehmen, dass in Deutschland bis zu 100 kg Fleisch pro Person und Jahr gegessen wird. Also deutlich mehr als Fisch und Meeresfrüchte. Trotzdem wird davon gesprochen, dass Fisch immer mehr als Fleischersatz her hält. Warum? Vielleicht, weil die Klimabilanz von Rindfleisch und Co. den meisten inzwischen ein Begriff ist.

Wir wissen, dass vor allem Rindfleisch im Vergleich zu anderen Lebensmitteln einen immensen ökologischen Fußabdruck hinterlässt (hier kannst du die Infografik zu CO₂-Ausstoß nochmal nachlesen und in diesem Artikel erfährst du überraschenderweise, welches alltägliche Lebensmittel sogar Rindfleisch toppt) und der Trend, vermehrt oder ganz auf Fleisch zu verzichten, setzt sich immer mehr durch. Es scheint so, als würde Fisch oft durch dieses Raster fallen.

Quelle: WWF

Wildfang oder Aquakultur?

Wer Fisch isst, kennt sich bestenfalls ein wenig aus mit der Fischerei und wie sie funktioniert. Die Frage, ob man Fisch und Meeresfrüchte lieber aus nachhaltigem Wildfang oder aus nachhaltiger Aquakultur, also aus der kontrollierten Aufzucht von Lebewesen aus dem Wasser, beziehen soll, lässt sich nicht ganz eindeutig und einfach beantworten. Wilde Bestände sind immer wieder bedroht, weil die weltweite Nachfrage nach Fisch und Meeresfrüchten immer weiter ansteigt. Wenn wir mehr Fisch essen möchten als gefischt werden kann, dann kommen unter anderem auch vermehrt Aquakulturen ins Spiel. Ein Nachteil hiervon ist, dass oft nicht nachhaltig gefangene Fische und auch Medikamente verfüttert werden, ein Vorteil, dass gewisse nachhaltige Standards festgelegt, garantiert und bestenfalls ständig überarbeitet und angepasst werden können.

Für das Fangen von Wildfisch im offenen Meer gibt es verschiedene Fangmethoden. Für unterschiedliche Fische und Meeresfrüchte gibt es unterschiedliche Netze, die nicht alle unbedingt bestens geeignet sind für das ökologische Gleichgewicht im Meer. Bodenschleppnetze zum Beispiel sind teilweise sehr schwer und werden über weite Strecken über den Meeresgrund gezogen und beschädigen diesen so. Das ist mit ein Grund, warum Garnelen und auch Lachs im Vergleich zu Karpfen eine schlechtere Klimabilanz haben und lieber nur ab und zu auf dem Teller landen sollen. Zusätzlich gibt es oftmals eine hohe Beifangrate, sprich: Schildkröten oder Delfine zum Beispiel landen ebenfalls im Netz. Als grobe Faustregel lässt sich sagen: Egal welche Fangmethode bzw. Aufzucht am Anfang steht, ein Siegel sollte am Ende stehen. Bestenfalls ist es ökologisch, damit du am ehesten sicherstellen kannst, dass auf Klima und Tierwohl geachtet wurde.

Wir essen vor allem Lachs

Lachs ist der wohl bekannteste Zuchtfisch – und ein Raubfisch. Er ernährt sich vor allem von anderen Meerestieren, kleineren Fischen unter anderem, die erstmal gefangen werden müssen (die Herkunft lässt sich hier nicht immer eindeutig bestimmen), um dann als Fischmehl verfüttert werden zu können: Ein Kilo Lachs braucht zwei bis fünf Kilo tierische Nahrung. Die bessere Wahl sind Fische, die sich vegetarisch ernähren. Konkret heißt das: Lieber vermehrt zu Karpfen oder Wels greifen. Und wenn zu Lachs, dann überlege vielleicht, ob du ihn wirklich so oft essen musst, oder ob er ab und zu als etwas Besonderes auf den Tisch kommt. Dann darf er vielleicht auch mehr kosten und du kannst dich nach der aktuellen Empfehlung für den Kauf von Lachs und die bevorzugten Siegel richten.

Nicht alle Fischratgeber und Siegel sind gleich verlässlich

Was dir und mir beim Einkaufen helfen soll, sind die verschiedenen Siegel und Einkaufratgeber, die von unterschiedlichen Quellen veröffentlicht werden. Bei meiner Recherche bin ich immer wieder auf Quellen gestoßen, unter anderem auch von WWF und Greenpeace, die schon mehrere Jahre alt sind. Die Verbraucherzentrale Hamburg (VZHH) hat einen Fischratgeber veröffentlicht, der auf dem Stand vom Januar 2020 ist. Außerdem gibt er an, dass die Bewertungen von Fischen, die zu empfehlen, bedingt zu empfehlen und nicht zu empfehlen sind, höchstens bis 31. März 2020 gelten, um die Aktualität möglichst hoch halten zu können. Das einzige Problem mit Fischratgebern: Sie lesen sich wie Beipackzettel und sind demnach nicht sonderlich zugänglich.

Aktuelle Einschätzungen allerdings sind sehr wichtig in der nachhaltigen Fischerei, weil sich der Bestand von wild gefangenem Fisch, wie zum Beispiel dem Hering, über die Jahre hinweg natürlich verändert. Das liegt zum einen daran, dass die Menschen immer mehr Fisch konsumieren und manche Fische beliebter sind als andere. Zum anderen verändert das immer wärmer werdende Klima die Lebensbedingungen mancher Arten. Um bei meinem Beispiel zu bleiben: Hering wurde in der Ostsee lange nachhaltig gefischt, es gibt allerdings wegen des Temperaturanstiegs weniger Nachwuchs. Die Folge: Die Heringsfischerei in dieser Region verlor das MSC-Siegel, weil mehr Hering aus dem Meer geholt werden würde als nachkommen kann. Die Entwicklung bestätigt auch das Rostocker Thünen-Institut für Ostseefischerei (diese 30-minütige Dokumentation erklärt diese Entwicklung sehr anschaulich).

Einen besseren Zugang im Alltag für dich und mich bieten Siegel, also Zertifikate, die mehr oder weniger unterschiedlichen Standards zugrunde liegen. Ein schneller Exkurs zu den bekanntesten:

“Marine Stewardship Council” (MSC): Dieses Siegel findest du in fast jedem Supermarkt und zertifiziert nachhaltige Wildfischerei. Es steht allerdings auch stark in der Kritik und hat vielleicht in etwa das gleiche Standing zu anderen strengeren Fischsiegeln, wie das EU-Bio-Zertifikat im Vergleich zu strengeren Bio-Siegeln wie Naturland und Demeter.

Aquaculture Stewardship Council (ASC) ist das Schwestern-Siegel zu MSC für Aquakulturen, also Zuchtbestände.

“Global G.A.P.” zertifiziert ökologische Zucht.

“Friend of the Sea” (FOTS) zertifiziert nachhaltige Wildfischerei und ökologische Zucht.

Naturland vergibt Siegel für Wildfang und Aquakulturen unter Auflage deutlich strengerer Kriterien (auch im Vergleich zum EU-Öko-Siegel), u. a. auch sozialen Kriterien, die Fischer und ihre Angestellte schützen. Auch hier wird Kritik geübt: In manchen Fanggebieten soll eine zu hohe Beifangquote erlaubt sein.

Dolphin Safe wurde speziell für den Fang von Thunfisch entwickelt, um den Beifang von Delfinen zu minimieren. Allerdings sagt es nichts darüber aus, ob nachhaltig gefischt wurde.

Quelle: Statista/Fisch-Informationszentrum/Greenpeace/WWF/VZHH; Angaben insgesamt in Deutschland im Jahr 2018
Zusatzinfo 1: Die Welternährungsorganisation (FAO) teilt die Weltmeere in Fanggebiete auf. Der Name oder die Nummer des Gebietes, in dem der Fisch gefangen wurde, wird auf der Verpackung angegeben.
Zusatzinfo 2: In einer aktuelleren Pressemitteilung vom 13. Januar 2020 erklärt das Fisch-Informationszentrum: “Auch blieben die Verbraucher im Jahr 2019 ihren bekannten Fischarten treu und das neue Fischarten-Quartett der wichtigsten Speisefischarten in Deutschland lautet in absteigender Reihenfolge erneut: Alaska-Seelachs, Lachs, Hering und Thunfisch. Aber auch Garnelen und Tintenfische sowie Muscheln werden gern konsumiert.”

Was bedeutet das alles für unseren Alltag?

Die Welt der Fische und Meeresfrüchte scheint unübersichtlich – zumindest auf den ersten Blick. Verschiedene Siegel, die nicht über einen Kamm zu scheren sind, die vielen unterschiedlichen Fanggebiete und Fangmethoden, mal vertretbar, mal weniger, können beim Einkaufen auf jeden Fall überfordern. Was uns zu Gute kommt: Die meisten von uns kaufen laut dem Fisch-Informationszentrum Hamburg vor allem Fisch und Meeresfrüchte aus der Tiefkühltruhe. Auf der Verpackung solltest du alle relevanten Informationen finden, die du brauchst, um eine bewusstere Entscheidung zu fällen. Vor allem bei den fünf beliebtesten Fischarten in Deutschland kannst du die obere Grafik als Hilfe zur Hand nehmen, um beim nächsten Mal vielleicht eine andere Entscheidung zu treffen. Und an der Fischtheke gilt: Interessiert nachfragen und nett, aber bestimmt Informationen einfordern, die du nicht auf den ersten Blick identifizieren kannst.

5 Tipps für den Alltag, um Fisch und Meeresfrüchte bewusster zu konsumieren

1. Sehe Fisch und Meeresfrüchte als Delikatesse und nicht als Grundnahrungsmittel an. Es geht nicht darum, komplett auf Lebensmittel zu verzichten, die du gerne isst. Du kannst aber lernen, sie bewusster zu genießen.

2. Setze auf deine Neugier und Offenheit. Probiere Fischarten, die dir vielleicht noch unbekannt sind, um zu vermeiden, automatisch nach Lachs, Thunfisch und anderen populären Arten zu greifen. Bleibe offen für pflanzliche Alternativen oder koche ganz ohne Fisch.

3. Welche Arten isst du am liebsten? Lerne sie kennen und kenne sie gut, wenn es um gefährdete Bestände, die verlässlichsten Siegel und News zu Überfischung gibt, um im Supermarkt möglichst bewusst einkaufen zu können.

4. Informiere dich über regionale Fischarten und vermeide so lange Produktionsketten so gut es geht. Für den norddeutschen Raum unterstützt hierbei diese Seite: www.fischvomkutter.de.

5. Informiere dich über die verschiedenen Siegel und hinterfrage sie kritisch. Siegel unterstützen uns beim Einkauf, jedes hat aber seine eigenen Standards und nicht alle sind für jeden von uns vertretbar. Grundsätzlich sind Produkte, die mit einem Bio- oder Umwelt-Siegel wie Naturland ausgezeichnet sind, zu bevorzugen. Möglichst aktuelle Einkaufsratgeber (z. B. von der VZHH) helfen dir zusätzlich im Supermarkt.

Mir persönlich hilft dieses (Hinter-)Fragen immer wieder, mir nicht nur bewusst zu machen, was ich da täglich zu mir nehme, sondern auch darüber, was mir wirklich schmeckt. Und das hört nicht bei Fisch und Meeresfrüchten auf. Weiß ich eine Zutat wirklich zu schätzen und zu genießen, dann bin ich automatisch auf der Suche nach der bestmöglichen Version davon. Bestimmte Gerichte und Produkte – darunter auch Fisch und Meeresfrüchte – werden zu einer Delikatesse, die dann ab und zu gegessen und dann umso mehr zelebriert werden.

Unser Ziel mit der Kampagne “Food for Future” ist es, euch und auch uns einen Überblick zu ermöglichen und miteinander zu lernen. Als Konsequenz davon erhoffen wir uns, dass wir alle weiterhin kritisch bleiben, dass wir Zusammenhänge verstehen, erkennen und hinterfragen möchten. Vielleicht hilft dir dieser und die anderen Artikel dieser Reihe zum Thema Fleisch, Soja und Milchprodukte, dass du weiterhin neugierig durch die Welt gehst und erkennst, dass du und jeder andere eine ziemlich große Macht hat, ohne, dass du viel dafür tun müsstest: Wie du isst, was du kaufst, beeinflusst den Markt und kann einen Unterschied in der Welt machen.

5 Rezepte für deinen Speiseplan, die ganz ohne Fisch auskommen

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