Mary-Linh

Redaktionsassistent bei Kitchen Stories

Eine meine ersten Erinnerungen an Deutschland, kurz nachdem ich mit meiner Familie hierher gekommen bin, ist eine grüne, glänzende Kokosnuss im Supermarkt. Ich war überrascht – ich dachte Kokosnüsse gibt es nur in tropischen Gegenden. Irgendwo auf der Welt mit endlosen Sommern, wo Moskitos durch die Luft schwirren und es nach Meersalz riecht. Orte, an denen Menschen sich mit dem süßen Nektar der Frucht vom schwülen Klima abkühlen. Wo ich aufgewachsen bin, gab es keine Kokosnüsse. Um jemals eine zu finden, musste man lange Reisen an „besondere“ Orten auf sich nehmen. Als ich sie dann in einer Supermarktkette in Mitteleuropa entdeckte, hat mich das verwirrt. Das war der Moment, indem ich mich das erste Mal fragte: „Woher kommt unser Essen eigentlich?“

Laut einer Studie des International Center for Tropical Agriculture aus dem Jahr 2016 überschreiten rund 70% der weltweiten Nahrungsmittel mindestens eine nationale Grenze, bevor sie auf einem Teller landen. Das Angebot im Supermarkt war früher auf die saisonalen Erträge der lokalen Landwirte beschränkt und verfügt heute über eine Vielzahl ausländischer Köstlichkeiten. Egal an welchem Tag du ein Lebensmittelgeschäft betrittst, ist es nicht ungewöhnlich, dass sich neben einem halben Dutzend Sorten Kohl und Pilzen auch Gurken befinden - und nicht weit davon entfernt gibt es Kisten mit Stachelbeeren, Kiwis und Avocados. Bei einer so umfangreichen Auswahl, die uns das ganze Jahr über zur Verfügung steht, vergisst man schnell, dass all das Teil der Nahrungskette ist, die höchstwahrscheinlich in einem anderen Teil der Welt begann. Wenn du dir bei deinem nächsten Supermarktbesuch die Etiketten mal genauer ansiehst, wirst du sehen, dass die Äpfel aus Argentinien und Bananen aus der Dominikanischen Republik kommen.

Heute haben wir mehr Wissen über Lebensmittel als je zuvor, und kaufen dadurch bewusster ein. Wir greifen eher nach Produkten mit der Kennzeichnung Organic oder Freilandhaltung, anstatt stark verarbeitete Lebensmittel zu kaufen. Doch obwohl wir wissen, welche ernährungsphysiologischen und ökologischen Vorteile das Essen aus der Region und der Saison bietet, enthüllen unsere Lebensmittelgeschäfte eine andere und erschütternde Wahrheit über die heutige Lebensmittelindustrie: Langstreckenreisen scheinen der Standard zu sein, wenn es um unsere Lebensmittel geht.

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Eine kurze Geschichte der globalen Lebensmittelversorgungskette

Der transnationale Agrarhandel existiert seit Jahrhunderten, wobei die ersten Aufzeichnungen bis ins antike Rom zurückgehen. Bis zum 20. Jahrhundert wurden nur unverderbliche und konservierte Lebensmittel gehandelt. Dadurch wurden schnell verderbliche Waren wie Fleisch und Milch ausschließlich vor Ort gekauft. Ab dem frühen 20. Jahrhundert revolutionierte der Kühltransport unsere Verfügbarkeit von Frischwaren aus aller Welt. Verderbliche Waren waren jetzt nicht nur vor Ort verfügbar, sondern konnten auch verschifft werden. Fleisch, das in Südamerika reichlich vorhanden war, konnte nun bis nach Nordeuropa reisen.

Durch die steigende Nachfrage aufgrund wachsender Bevölkerungszahlen, mussten Landwirte plötzlich mehr Getreide produzieren. Dank verbesserter landwirtschaftlicher Technologien, erzielten die Landwirte höhere Erträge, die auch gegen Witterungseinflüsse und Schädlinge resistent waren. All das resultiert in ein industrialisiertes Nahrungsmittelsystem, bei dem Quantität einen höheren Stellenwert als Qualität hat, auch bekannt als Monocropping.

Wie frisch ist dein Essen?

Es ist nicht leicht, unser Essen vom Feld bis zum Teller zu verfolgen. Einige Lebensmittel sind mit dem Ursprungsland gekennzeichnet. Die Realität ist jedoch so, dass die meisten unserer Lebensmittel mehreren Verarbeitungsstufe durchlaufen - was zu mehr unmarkierten Boxenstopps für unsere Lebensmittel führen kann. Ein Seelachs könnte zum Beispiel in den Vereinigten Staaten gefangen und nur nach China geschickt werden, um dort verarbeitet, verpackt und zum Verkauf in die USA, nach Japan, Brasilien oder Europa exportiert zu werden, wo es wiederum in seine Zielregion transportiert werden muss.

Natürlich hängt die Frische unserer Lebensmittel davon ab, um welche Art von Lebensmitteln es sich handelt. Einige verderbliche Güter wie Obst werden geerntet bevor sie reif sind und anschließend mit Konservierungsmitteln bearbeitet, um die Reifung während des Transports zu erzwingen. Verarbeitete und tiefgekühlte Lebensmittel wie Hamburger Patties, können Zutaten aus mehreren Lieferketten enthalten und müssen von Land zu Land hin und her reisen, bevor sie schließlich die Tiefkühltruhe deines lokalen Supermarkts erreichen.

Es spielt auch eine Rolle, wo auf der Welt du dich befindest. Regionen, die reich an Getreide sind, wie Asien, Südosteuropa, die Mittelmeerregion und Südamerika, neigen dazu, weniger zu importieren. Das führt zu einer größeren Ernährung saisonaler Produkte. Isolierte Regionen wie Nordamerika, Nordeuropa, Australien, Neuseeland und die Karibik können sich nicht so stark kultivieren, wie es die Bevölkerung verlangt. Mit ausländischen Produkte können sie ihre Bedarfslücke schließen.

Um dir eine bessere Vorstellung davon zu geben, wie weit unsere Lebensmittel reisen, haben wir die einzelnen Lebensmittelgruppen in Abschnitte unterteilt und illustrierte Karten mit einigen der größten Importeure und Exporteure der Welt erstellt. Wir wollen herauszufinden, wie weit unser Essen reist!

Früchte & Gemüse

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Durch die Globalisierung steigt die Nachfrage nach ganzjährig erhältlichen Produkten. Dadurch vergisst man schnell, dass gewöhnliche Früchte, wie Bananen und Orangen, nur in tropischen und subtropischen Gebieten wachsen können. Bananen sind, obwohl es sich um eine Tropenfrucht handelt, die meist exportierte und am meist konsumierte Frucht der Welt. Ecuador ist seit Jahren der weltweit größte Exporteur von Bananen und liefert diese nach Europa, über Russland bis in die USA.

Hier in Deutschland wurden 45% aller Früchte und Gemüse des Lebensmittelhandels auf fremdem Boden (vor allem in Frankreich, Spanien, den Niederlanden oder Italien) angepflanzt. Der Anteil liegt im Vereinigten Königreich sogar bei 90%. Mehr als die Hälfte der Früchte und ein Drittel des Gemüses in den USA werden importiert. Laut Schätzungen des US-Landwirtschaftsministeriums wird der Anteil von 2016 bis 2027 auf 45% steigen.

Egal, wo du dich auf der Welt befindest, dein Knoblauch könnte aus China stammen. Das Land ist für 80% des weltweiten Knoblauchvorrats verantwortlich und ist damit der weltweit größte Produzent und Exporteur von Knoblauch. Die kleine Schwester des Knoblauchs, die Zwiebel, wird vor allem in den Niederlanden angebaut. Mehr als ein Drittel des weltweit gehandelten Gemüses wird von dem verhältnismäßig kleinen Land abgedeckt.

Molkereiprodukte

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Seit Jahrhunderten konsumieren Menschen Kuhmilch. Es ist kein Wunder, dass der Handel mit Milchprodukten ein großes Lebensmittelgeschäft ist, da es eine breite Masse an Nebenprodukten (Käse, Sahne, Butter, Joghurt) gibt. Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der USA hat die weltweite Milchproduktion in den letzten drei Jahrzehnten um mehr als 50% von 500 Millionen Tonnen auf 798 Millionen Tonnen zugenommen. Indien gilt als größter Produzent, gefolgt von den USA, China, Pakistan und Brasilien.

Bei der Verarbeitung von Milchprodukten steht Neuseeland an erster Stelle und exportiert bis zu 5,6 Milliarden US-Dollar in Form von Milchpulver, Butter, Käse und Säuglingsnahrung nach Nigeria, Ägypten, Bangladesch, Thailand. Taiwan, Japan und China.

Getreide

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Wusstest du, dass mehr Mais produziert wird als jedes andere Getreide der Welt? Seine Popularität ist aufgrund seiner Vielseitigkeit nicht ungerechtfertigt. In vielen Kulturen ist es ein Grundnahrungsmittel, um Vieh zu füttern, verarbeitete Lebensmittel zu süßen und Ethanol zu produzieren. Wenn es um Mais geht, sind die USA der König. Auf mehr als 90 Millionen Hektar amerikanischem Land wird Mais angebaut. Andere große Maisexporteure umfassen China, Brasilien, Argentinien und Indien, mit den größten Abnehmern in Japan, Mexiko, Südkorea, Ägypten und Spanien.

Gleich hinter Mais steht der Reis. Rund 75% der weltweiten Exporte stammen aus Indien, Thailand und Vietnam. Andere Getreide wie Weizen kommen meist aus Russland und der EU. Wohin geht der ganze Weizen? Brot wird in Ägypten seit der Revolution von 1952 subventioniert und ist damit der weltweit größte Importeur und Konsument von Weizen.

Fleisch

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Nach den Zahlen ist Schweinefleisch das beliebteste Fleisch der Welt. Die Schweineproduktion hat sich in den letzten 50 Jahren vervierfacht und wir produzieren nicht nur mehr Schweine, sondern auch schwerere Schweine. Die weltweite Schweinefleischproduktion erreichte 2017 rund 118 Millionen Tonnen. Die EU, die USA, China, Brasilien und Russland sind für rund 86% des weltweiten Schweinefleischangebots verantwortlich. Obwohl in China mehrere tausend Schweinefarmen leben, ist es auch einer der größten Importeure von Schweinefleisch, hauptsächlich importiert aus der USA.

Die USA sind nicht nur ein Spitzenexporteur von Schweinefleisch, sondern auch der größte Geflügelproduzent der Welt. Sie machen 18% der weltweiten Exporte aus, gefolgt von China, Brasilien und Russland. Und wo es Hühner gibt, gibt es auch Eier. Der weltweite Pro-Kopf-Verbrauch von Eiern hat sich seit den 1960er Jahren verdoppelt, und die Eierproduktion ist um 150% gestiegen, hauptsächlich in China und anderen asiatischen Ländern.

Das meiste Rindfleisch wird im Inland Brasiliens produziert. Erst im vergangenen Jahr schickte das Land etwas mehr als 2 Millionen Tonnen Rindfleisch nach China, Hongkong, Ägypten und Chile und ist damit der weltweit größte Exporteur von Rindfleisch. Trotz des Fleischskandals im Jahr 2017, der den Handel kurzzeitig massiv reduziert hat, bleibt Brasilien die Nummer 1.

Lebensmittel reisen, na und?

Eine abwechslungsreiche Auswahl an Lebensmitteln ist natürlich toll, aber die Vorstellung, wie sehr dieser Luxus unsere Umwelt belastet, ist besorgniserregend - und nicht nur für mich. Wer immer noch überzeugt ist, dass importierte Lebensmittel nicht viel mehr Treibhausgasemissionen verursachen, als lokale Einkäufe, sollte sich trotzdem über die langfristigen Auswirkungen der industrialisierten Landwirtschaft Gedanken machen. Um den Anforderungen des transnationalen Agrargeschäfts gerecht zu werden, konsolidieren sich kleine Farmen zu riesigen Unternehmen. Dabei verwenden sie Herbiziden, Pestiziden und synthetischen Düngemitteln, die nicht nur unsere Lebensmittel kontaminieren, sondern auch unseren Boden und unsere Atmosphäre. The Guardian berichtete, dass in den letzten vier Jahrzehnten mehr als 30% des Ackerlandes der Erde zerstört wurden, und diese Zahl wird steigen, solange die weltweite Nachfrage nach Nahrungsmitteln steigt.

Es werden mehr Nahrungsmittel als je zuvor produziert und wir entwickeln uns zu Monokulturen. Monokulturen sind große Flächen an Land, die nur für den Anbau einer speziellen Ernte genutzt werden. In unserem industrialisierten System werden Monokulturen wegen ihrer hohen Erträge bevorzugt. Was bedeutet das für die Biodiversität, wenn 75% der weltweiten pflanzlichen Erzeugung von denselben 9 Arten stammen? Es gibt über 6.000 Pflanzenarten auf der Welt, und wir sind auf nur 9 angewiesen, um die 7,7 Milliarden Menschen auf unserer Erde zu ernähren. Wenn man sich auf eine so kleine Gruppe an Arten verlässt, verringert sich die genetische Vielfalt, die erforderlich ist, um unsere Nahrung vor Krankheiten und Krankheitserregern zu schützen. Um dies in die richtige Perspektive zu rücken: Die große Hungersnot 1840 in Irland fand nur statt, weil die Ernährung eines Großteils der Bevölkerung von zwei Kartoffelsorten abhängig war.

Neben der Umweltbelastung, zahlen wir auch einen hohen Preis für Qualitätseinbußen unserer Lebensmittel. Lebensmittel können während der Herstellung, Verarbeitung, Lagerung, Transport, Verteilung und Zubereitung kontaminiert werden. Je länger und komplizierter die Reise ist, desto weniger können wir feststellen, wann und wo Krankheitserreger in unsere Nahrung gelangen. Lebensmittel, die für das Leben essentiell sind, sind so oft mit Krankheiten verbunden. 2018 war ein Rekordjahr für erkannte Lebensmittelkrankheiten. Nordamerikaner fanden sich im Krankenhaus wieder, nachdem sie Salat, Pistazien, Truthahn, Eier, Müsli, fertige Backmischungen und Rinderhack gegessen haben.

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Es ist nicht alles gut, aber auch nicht alles schlecht

Inmitten all dieser „schlechten“ Informationen ist es leicht, sich nicht hilflos angesichts der heutigen Lebensmittelindustrie zu fühlen. Die gute Nachricht ist, dass es unzählige Organisationen gibt, die dafür sorgen, dass lokale Lebensmittel erschwinglich und zugänglich sind. Eine davon ist Slow Food. Die Organisation wurde 1986 in Italien als Reaktion auf den geplanten Bau eines McDonalds in der Nähe der Spanischen Treppe in Rom gegründet. Heute umfasst die Organisation ein Netzwerk von Aktivisten in über 150 Ländern, die alle für regionale Lebensmittel und den Schutz lokaler Ökosysteme kämpfen.

Die effektivste Art und Weise, sich der industrialisierten Landwirtschaft zu stellen, ist selbst zu kochen. Wenn wir saisonal und regional kochen, ist das ein kleiner Beitrag gegen die globale Lebensmittelversorgungskette. Wie Michael Pollan in seinem Buch Cooked schreibt: „Wenn wir einen kleinen Teil unserer Freizeit in Kochen investieren, erklären wir damit unsere Unabhängigkeit von Unternehmen, die die Macht über unseren Konsum ergreifen wollen.”

Einkaufen im Supermarkt ist einfach, bequem und oft die günstigste Option. Wenn wir aber darauf achten, was und wie wir essen, ändert dies nicht die Lebensmittelindustrie, aber es wird sie sicherlich beeinflussen. Organisiere dich nach einem Saisonkalender für Obst und Gemüse, kaufe mehr Gemüse und weniger Fleisch, entscheide dich für unverarbeitete Produkte. Wenn möglich, kaufe von lokalen Produzenten ein.

Essen ist der grundlegende Impuls unserer Gesellschaft: Es nährt uns und hält uns am Leben. Wenn wir so weitermachen wie bisher, werden wir unsere Lebensmittel in 30 Jahren nicht wieder erkennen.

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